Raders Informationen beruhen ausschließlich auf volkstümlicher Überlieferung: Winthir sei Anfang des 8. Jahrhunderts als Fremder nach Neuhausen gekommen, habe als Maultiertreiber gearbeitet und sich durch die Verkündigung des Evangeliums verdient gemacht. Man beschreibt ihn als frommen Pilger, der in Armut lebte, betete, predigte und für Saaten und Herden betete. Bald schon wurde er im Alpen-Donau-Raum als Wundertäter verehrt.
Mit der unsicheren Quellenlage wuchs die Legendenbildung: Winthir gilt als iro-schottischer Wandermönch, als Pilger aus Jerusalem, als Eremit, Dorfgründer, Apostel Neuhausens oder Tröster in Not. Die Bevölkerung verlieh ihm Titel wie Glaubensbote, Fürsprecher bei Gott oder Schutzheiliger. Ein lateinisches Gedicht von Johann Gailkirchner preist seine Heilungen und Gebete, die selbst Sturm und Tierseuchen abgewehrt hätten.
Rezeption und Verehrung
1738 berichteten Neuhauser Bauern von wundersamen Heilungen durch Winthirs Fürsprache. Im Spanischen Erbfolgekrieg blieb ihr Dorf verschont – man schrieb es dem Schutz des Seligen zu.
Nach dem Einsturz der Winthirkirche 1931 ließ Pfarrer Simon Irschl Grabungen durchführen. 1932 wurde ein Skelett mit einem Baumstumpf entdeckt – eine Entsprechung zur Überlieferung, dass Winthir unter einer Linde begraben worden sei. Diese Gebeine gelten seither als die des Seligen.
Rund um die Winthirkirche zeigt sich die tief verwurzelte Verehrung: Der Winthirfriedhof, die Winthirschule, der Winthirplatz mit der spätgotischen Winthirsäule sowie Geschäfte und Straßennamen tragen bis heute seinen Namen. Auch die moderne Herz-Jesu-Kirche besitzt eine Winthir-Glocke.
Winthirtafel und Legenden
Nach dem Verlust alter Mirakelbücher im Dreißigjährigen Krieg wurde 1638 die sogenannte Winthirtafel geschaffen – ein Bericht in Prosa und Gedichtform über Leben und Tod des Seligen. 1723 wurde sie erneuert und im Kirchenraum aufgehängt.
Der Text beschreibt Winthir als Maultiertreiber und Einsiedler, der in seiner Klause auch begraben wurde. Spätere Wunder führten dazu, dass seine Zelle zur Kapelle wurde – eine Geschichte, die historisch nicht belegbar ist, aber Ausdruck tiefer Volksfrömmigkeit bleibt.
Fazit
Historisch ist wenig über Winthir gesichert – weder sein genaues Lebensdatum noch seine Herkunft. Doch seine Verehrung in Neuhausen lässt sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Taufen auf seinen Namen und zahlreiche Hinweise in Literatur, Kunst und Brauchtum zeugen von seinem bleibenden Einfluss. Noch heute wird am 29. Dezember mit einer Heiligen Messe seiner gedacht – und sein Name lebt weiter, getragen vom Klang der Winthir-Glocke der Herz-Jesu-Kirche.