Nagelkreuz – woher kommt der eigenartige Name?
Am 14. November 1940 bombardierte die deutsche Luftwaffe die englische Industriestadt Coventry. Dabei wurde auch die Kathedrale St. Michael aus dem 14./15. Jahrhundert zerstört.
Bei den Aufräumarbeiten der Kirchentrümmer fand der damalige Dompropst Richard Howard drei große mittelalterliche Zimmermannsnägel aus dem Dachstuhl und ließ diese zu einem Kreuz zusammensetzen. An die Wand der Apsis schrieb er die Worte „Father forgive“ („Vater vergib“).
Zu Weihnachten rief er in einer Rundfunkübertragung dazu auf, keine Rache zu üben, sondern sich für Versöhnung einzusetzen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwuchs aus diesem Versöhnungsgedanken die internationale Nagelkreuzgemeinschaft mit inzwischen über 160 Nagelkreuzzentren weltweit.
Es sind Gemeinden, die von ihrer Geschichte und auch von ihrem Selbstverständnis her den Gedanken der Versöhnung und des Friedens besonders pflegen und wach halten wollen. Die einen reflektierten Umgang mit der Vergangenheit suchen und gleichzeitig für die Zukunft an einer Welt bauen wollen, in der Solidarität und Verständigung mehr zählen als Hass und Gewalt.
Diesen Aufgaben widmen sich Menschen in den Nagelkreuzgemeinden in verschiedenen Projekten – auch mit dem oben erwähnten freitäglichen Friedens- und Versöhnungsgebet.
Das originale Nagelkreuz steht heute auf dem Altar der nebenan neu gebauten Kathedrale von Coventry und gilt als Zeichen der Versöhnung und des Friedens.
Für das Nagelkreuzzentrum München St. Barbara wurde nicht nur ein dem Original nachempfundenes Nagelkreuz geschaffen, sondern in einer Säule auch eine halbrunde Nische mit dem Schriftzug „Father forgive“.
Was hat dies nun mit St. Barbara zu tun?
2012 entstand die Idee, dass St. Barbara mit der ganz besonderen Geschichte sich für ein Nagelkreuzzentrum geradezu anbieten würde.
St. Barbara ist 1914 als Notkirche aus einer Lagerhalle für Uniformen auf dem Gelände der „Luitpoldkaserne“ entstanden und wurde am 4. Februar 1923 als Garnisonskirche geweiht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde St. Barbara Filialkirche der Pfarrei St. Benno und für etwa 3.000 polnische Katholiken, allesamt ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, zum neuen religiösen Zentrum, bis die Räumlichkeiten der wachsenden polnischen Gemeinde 1978 zu klein wurden.
Als Militär- und Garnisonskirche errichtet, wurde in St. Barbara direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Zeichen für Versöhnung gesetzt.
Nagelkreuzzentrum München St. Barbara
Am 9. November 2014 wurde St. Barbara als das erste – und bis heute auch einzige – Nagelkreuzzentrum in München eingeführt. An diesem Tag bekam das Nagelkreuz seinen Platz in der St. Barbara Kirche. Hierfür wurde in einer Säule der nördlichen Kirchenwand eine halbrunde Nische geschaffen.
Obwohl neu hergestellt, ist dieses Nagelkreuz ein sehr geschichtsträchtiges:
- Der Stein des Sockels stammt aus dem ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg.
- Das Holz am Fuße des Kreuzes aus dem Münchner Dom, welcher wie die Kathedrale in Coventry im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört wurde.
- Das Nagelkreuz selbst wurde von jungen Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Würzburg hergestellt.
Das Nagelkreuzgebet
Jeden Freitag um 17 Uhr beten wir in der St. Barbara Kirche München das Nagelkreuzgebet:
Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)
Den Hass, der Nation von Nation trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Den Hass, der Nation von Nation trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,
Vater, vergib.
Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,
Vater, vergib.
Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,
Vater, vergib.
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)